Was als Krafttraining bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit Arbeitstraining. Arbeitstraining setzt sich zeitgleich aus Krafttraining und Wegetraining zusammen. Trainingsreize sind Schwellenprozesse und dauern Bruchteile von Sekunden. Muskeltraining ist ein Sekundenphänomen. Da der Skelettmuskel nicht autonom sondern ein Willkürmuskel ist, ist das Trainingsergebnis entscheidend davon abhängig, wie die abstrakte Willkürvorstellung als Absichtsprozess gestaltet ist. Die bewußte Vorstellung setzt sich aus Kraft, Wegerichtung und Lokalisation in einer Muskelkette zusammen. Die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers entspricht den momentan verfügbaren Fähigkeiten dieses Körpers. Verlorengegangene Funktionen manifestieren sich reziprok als Bewußtseinsverluste in entsprechenden Körperarealen mit der Folge von Willküreinschränkungen. Es resultieren Schmerzen und Krankheiten. Diese partiellen Souveränitätsverluste über Teile des Körpers wieder aufzuheben, ist mit Hilfe von Therapeuten möglich.

Muskeltraining ist Krafttraining plus Wegetraining.

Ein Muskel hat stets eine Doppelfunktion. Er produziert Kraft und er bewegt. Ein Muskel verrichtet Arbeit. Muskeltraining ist Arbeitstraining und nicht Krafttraining. Zur Arbeit gehört Kraft und Weg gleichermaßen. Die Formel für Arbeit ist Kraft mal Weg.

Sowohl Bewegungsumfang wie Kraft sind beim Muskel variabel. Durch Muskeltraining kann die Bewegungsamplitude ebenso wie die Muskelkraft verändert werden.

Wenn beim Krafttraining die Kraft eines Muskels vergrößert wird, die Weglänge desselben Muskels verringert wird, dann ist das Produkt, die Arbeitsfähigkeit, womöglich schlechter als zuvor.

Die verfügbare Kraft eines Muskels ist bezüglich seiner Bewegungslänge nicht gleichmäßig verteilt. Bei mittlerer Länge hat der Muskel die meiste Kraft. Bei voller Aufdehnung oder voller Verkürzung geht die Kraft auf ein Minimum zurück. Bei 50% seiner momentanen Gesamtlänge hat ein Muskel seine maximale Kraft (50% Vorspannung).

Bewegungsamplitude

Der Muskel ist im molekularen Bereich aus Eiweißmolekülen aufgebaut, die stets die gleiche Länge haben (Aktin-Myosin-Filamente). Es gibt keine Möglichkeit diese Moleküle länger oder kürzer zu machen. Auch durch Stretching werden diese Moleküle nicht verlängert.

Diese Moleküle können sich wie bei einem Teleskop ineinanderschieben und dabei Kraft produzieren. Die absolute Anzahl von hintereinandergeschalteten “Teleskop”-Molekülen bestimmt die maximale Bewegungslänge. Soll der Bewegungsumfang eines Muskels vergrößert werden, dann müssen zusätzlich Aktin-Myosin-Moleküle in Serie eingebaut werden.

Kraft

Soll die Kraft eines Muskels vergrößert werden, dann muß die Anzahl der Kraftelemente, der Aktin-Myosin-Moleküle, vergrößert werden. Die Muskelmasse wird vergrößert. Beim Muskelmassetraining besteht die Möglichkeit, die neuen Moleküle parallel oder seriell einzubauen. Im ersten Fall wird der Muskel dicker, im zweiten Fall wird der Muskel länger.

Arbeitsfähigkeit

Um die Arbeitsfähigkeit eines Muskels optimal aufzutrainieren sollte der Trainingsreiz so beschaffen sein, daß gleichzeitig mit dem Massetraining auch das Längentraining erfolgt.

Steuerung des Muskels

Der Skelettmuskel macht nichts von alleine, dies im Gegensatz zu autonomen Muskeln, wie dem Darm, dem Herz oder den Gefäßmuskeln. Der Skelettmuskel ist ein Willkürmuskel und damit von Willkürprozessen abhängig. Einen eigenen Willen hat der Muskel nicht und er kann auch gerade nur das durchführen, was gerade gewollt ist. Er kann also nicht etwas anderes tun, wie der momentane Wille vorschreibt.
Dies gilt auch für das Muskelkrafttraining. Wenn beim Krafttraining der Muskel Verkürzungskommandos bekommt, dann wird er auch kürzer werden und bestimmt nicht länger. Wenn beim selben Krafttraining die Willkürvorstellung so formuliert ist, daß eine Bewegungsverlängerung angestrebt wird, dann wird der Muskel länger werden statt dicker.
Der Muskel tut das, was der Kopf sich vorstellt.
Entscheidend für den Ausgang eines Krafttrainings ist also die Vorstellung, wie sie im Kopf ausgebildet wird. Zuerst kommt die Willkürkonzentration und danach die Durchführung durch den Muskel. Die Vorstellung im Kopf bestimmt, ob die neue Muskelmasse in Serie oder parallel eingebaut wird.
Soll die Beweglichkeit eines Muskels vergrößert werden, dann ist es auf jeden Fall notwendig, neue Muskelmasse seriell zu trainieren, also die Anzahl der molekularen Teleskopelemente zu vergrößern.

Trainingsreiz für den Muskel

Damit ein Muskel umgebaut wird, muß dem Körper zuerst signalisiert werden, daß der Muskel momentanen Ansprüchen nicht genügt. Er muß gezielt überlastet werden.

Reize sind Schwellenprozesse

Ein Trainingsreiz ist ein Schwellenprozeß, geschieht also von einem Augenblick zum anderen. Wenn die Reizschwelle übersprungen ist, dann kann die Reizantwort, hier also der Muskelaufbau, auch nicht mehr gestoppt werden. Muskelmassetraining erfolgt in Bruchteilen von Sekunden, in dem Moment, wo die Reizschwelle für den Aufbau übersprungen wird.

Muskelaufbau dauert drei bis vier Tage, das Signal für den Aufbau Bruchteile von Sekunden
Die Reizantwort, der Muskelaufbau dauert etwa drei bis vier Tage und vollzieht sich sozusagen nachts im Schlafe. Mit dem Masseaufbau des Muskels werden neue Blutgefäße benötigt, die Sehne muß verstärkt werden, der geführte Knochen muß verstärkt werden, neue Nervenendigungen müssen gelegt werden usw. All diese Prozesse werden in dem Moment in Gang gesetzt, wenn an irgendeiner Stelle eines Muskels das Signal zustandekommt, daß hier Muskelmoleküle fehlen. Wenn das Signal nicht zustandekommt, dann passiert nichts. Wenn jemand im Kraftstudio stundenlang Tonnagen von rechts nach links bewegt, jedoch die entscheidende letzte Sekunde zu früh aufhört, bevor die Reizschwelle erreicht ist, dann hat dieser viele Kalorien verbraucht, jedoch keinen Trainingsreiz gesetzt.

Man kann das Training so gestalten, daß zuerst Kalorien verbraucht werden, und dann zum Schluß der Trainingsreiz gesetzt wird. Dieser Trainingsreiz kann ebensogut sofort erreicht werden, bevor man ins Schwitzen kommt. Die Entscheidung steht jedem frei.

Der Trainingsreiz kann in mittlerer Arbeitstellung des Muskels gesetzt werden, da wo er am stärksten ist. Entsprechend muß der nötige Belastungsreiz sehr hoch sein.

Der Trainingsreiz kann in den beiden Endstellungen des Muskels gesetzt werden, wo der Muskel am schwächsten ist. Entsprechend genügt hier ein sehr geringer Belastungsreiz. Die Belastung des Gesamtkörpers ist hier am geringsten und damit auch das Risiko einer Verletzung.

Trainingsreize formulieren sich als Bewußtseinsprozesse.

Ob die neu einzubauenden Muskelmoleküle in Serie oder parallel eingebaut werden, entscheidet sich im Kopf und nicht im Muskel. Voraussetzung für eine Muskeltätigkeit ist eine vorangegange Absicht. Die Absicht, die vom Muskel nicht erfüllt werden konnte, weil dieser zu schwach war, ist der Trainingsreiz, diesen Muskel zu verstärken.

Die Muskelarbeit setzt sich aus Kraft und Weg zusammen. Die Kraft ist überall gleich. Der Weg hat Anfang und Ende und eine Richtung. Wenn im Kopf die Absicht gebildet wird, eine Arbeit zu verrichten, dann wird hierzu die nötige Kraft aus dem Muskel rekrutiert und in einer beabsichtigten Richtung bewegt. Zur Durchführung der Arbeit sind Kraft und Bewegungsfähigkeit Voraussetzung. Fehlt eines von beiden und die Arbeit wird trotzdem versucht durchzuführen, der Muskel wird also überlastet, dann ist dies der Trainingsreiz, welcher aus dem Doppelreiz Kraft und Weg besteht.

Kraftreiz und Wegereiz formulieren sich zunächst im Kopf.

Die Reizkombination, die zum seriellen Umbau eines Muskels führt, besteht aus dem Kraftreiz und dem Wegereiz. Beide Reize haben ihren Ursprung im Kopf als Vorstellung. Die Kraftvorstellung ist einfach und beruht auf dem Vergleich der eigenen Kraft mit der durchzuführenden Aufgabe. Die Wegevorstellung ist schwieriger. Da der Körper instinktiv versucht ist, die günstigste Arbeitsposition einzustellen, wird jede Kraftanstrengung mit einem Verkürzungskommando für den Muskel verbunden sein. Dies ist gleichzeitig mit einem angenehmeren Empfinden verbunden, da damit die Überbelastungsposition vermieden wird.

Für die Trainingssituation ist dies gleichzeitig grundverkehrt, da ein Verkürzungsreiz eine verminderte Arbeitsfähigkeit bedeutet. Mehr Masse, weniger Weg.

Um das Gegenteil, die Verlängerung zu erreichen, muß während der Trainingssituation im Kopf die Vorstellung gebildet werden, bei der Kraftanstrengung den Muskel nicht verkürzen “zu wollen”. Diese umgekehrte Willkürvorstellung signalisiert dem Körper, daß hier sowohl Kraft, als auch Länge fehlen. Man darf während der Kraftanstrengung “nicht verkürzen wollen”.

Das Ergebnis ist dann ein Masseaufbau verbunden mit Längenzuwachs. Die gewohnheitsmäßige intuitive Verkürzung beim Krafttraining ist so weit verbreitet und selbstverständlich, daß dieser umgekehrte Denkprozeß umständlich beschrieben werden muß.

Trainingseffekt als Ort der Bewußtseinslokalisation.

Ein Muskel arbeitet nie alleine sondern im Verbund als Muskelkette. Die Willkürkonzentration ist regelmäßig auf einen kurzen Abschnitt der Kette konzentriert. Der Rest arbeitet unbewußt. Das Bewußtsein nimmt nicht die gesamte Kette wahr. Instinktiv ruht die Konzentration dort, wo die Kette am stärksten ist, da hier wegen der meisten Kraft die beste Kontrolle gegeben ist.

Für das Training ist dies genau verkehrt. Trainiert werden muß der schwächste Teil, nicht der stärkste. Im Training muß die bewußte Konzentration, der Wille, sich dorthin einstellen, wo die Kontrolle am geringsten ist, wo das unangenehmste Gefühl ist, wo eben die Funktion am schlechtesten ist. Man muß dasjenige am meisten üben, was man am schlechtesten kann. Beispiel: Der Kopf kann gegenüber dem Becken mit dem Rückenmuskel oder mit dem Nackenmuskel bewegt werden. Wenn bei einem Training der Nackenmuskel aufgebaut werden soll, die Aktivität jedoch aus dem Rückenmuskel kommt, dann kann nicht erwartet werden, daß der Nackenmuskel nach dem Training verändert wird.

Der Ort der Willkürkonzentration bestimmt den Ort des muskulären Umbaus als Trainingserfolg.

Verlust des Eigenbewußtseins führt zu Schmerz und Krankheit.

Ein Mensch mit einem freien Körper ohne Probleme kann jeden beliebigen Ort seines Körpers bewußt wahrnehmen, kontrollieren und beliebig verändern. Je mehr Beweglichkeiten verloren gehen desto mehr geht reziprok die Eigenwahrnehmung und damit die Verfügbarkeit über den eigenen Körper verloren. Menschen, die mehr oder weniger umfangreich Kontrolle über Körperareale verloren haben, sind diesen Arealen unkontrollierbar und hilflos ausgeliefert, da dort Bewußtheit nicht mehr existiert. Diese Körperareale werden unbewußt autonom, ähnlich wie die Funktion der richtigen autonomen inneren Organe nur ohne deren übergeordnete Regulation. Diese Menschen verfallen in Ersatzbewegungen und verlieren zunehmend an Körperfähigkeiten bis sich Krankheiten und Schmerzen einstellen. Damit werden solche Menschen zu Patienten. Spätestens ab diesem Stadium sind dann Therapeuten notwendig, um diese Bewußtseinslöcher wieder aufheben zu helfen.

Der Therapeut korrigiert das fehlende Eigenbewußtsein des Patienten.

Da ein Patient deswegen zum Patienten wird, da ihm Bewußtheitskontrollen abhandig gekommen sind, ist es Aufgabe des Therapeuten, von außen die “Denkfehler” des Patienten wahrzunehmen und zu korrigieren, bis der Patient selbständig in der Lage ist, die Eigenkontrolle zu übernehmen. Der Therapeut hat die “Bewußtseinslöcher” des Patienten vorübergehend zu ersetzen und durch geeignete Führungshilfsmittel dem Patienten Hilfestellung zu geben, den eigenen Körper sinnvoll wieder zu beherrschen. Danach bleibt es dem Patienten überlassen, die wiedergewonnene Kontrolle zu bewahren und zu nutzen.

In Stichworten:

• Ein Dehnreiz ist kein Muskelreiz

• Ein Muskelreiz ist ein Arbeitsreiz

• Ein Arbeitsreiz ist Kraftreiz plus Wegreiz

• Muskelarbeit ist Folge von Willkürvorstellung

• Die Willkür bestimmt, was der Muskel tut.

• Die überforderte Willkür ist Trainingsreiz.

• Ein Muskel kann dick oder dünn, lang oder kurz umgebaut werden.

• Derjenige Muskel in einer Kette wird trainiert, auf den sich die Willkür konzentriert.

• Da, wo keine Willkür ist, da wird unwillkürlich gedehnt (Stretching), was ein Bindegewebsreiz und kein Muskelreiz ist.

• Bindegewebe hält, der Muskel bewegt. Bindegewebsaktivierung führt zu Erstarrung (Stretching).

• Muskeltraining ist zunächst Bewußtseinsschulung.

• Therapeutenaufgabe ist es, dem Patienten verlorengegangenes Eigenbewußtsein wiederzugeben.

• Patientenaufgabe ist es, die wiedergewonnene Kontrolle zu bewahren und zu nutzen.