Der Patient wird zum Experten

Unsere Devise: Den eigenen Körper kann man nur selbst verändern.

Der Patient lernt, dem eigenen Körper zu vertrauen und ihn wieder in einem natürlichen Maße zu belasten. Das Resultat ist eine geschulte Selbstwahrnehmung und ein deutlich verbessertes Körpergefühl.

Die Therapie nach dem Ansatz der Biokinematik greift gezielt in das Regulationssystem der Muskulatur ein. Hierbei wird dem Muskel der Impuls gegeben, sich effektiv umzustrukturieren und zu seinen natürlichen Zustand zurückzufinden.

In der praktischen Therapie geschieht das im Wesentlichen auf zwei Arten:

  1. Durch die manuelle Stimulation der Mechanorezeptoren des Muskels.
  2. Durch ein individuelles, auf den Patienten abgestimmtes Muskeltraining.

BAUTEILE DER BIOKINEMATIK

Die Bewegung im menschlichen Körper ist ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher Knochen, Gelenke, Muskeln und Bänder. Sie alle haben wichtige Aufgaben im Bewegungsapparat und funktionieren stets als aufeinander abgestimmte Gesamtheit. Bricht man den Bewegungsapparat auf sein kleinstes Gefüge herunter, so betrachtet man die biokinematische Bewegungseinheit. Diese besteht mindestens aus zwei Knochen die gemeinsam in ein Gelenk münden, einem Band und einem Muskel für die Hin- sowie einem zweiten Muskel für die Rückbewegung.

Knochen, Bänder und Gelenke sind die stehenden Strukturen in diesem Gefüge. Sie übernehmen die Druck- und Zugkräfte die bei Bewegungen entstehen. Der Muskel ist der variable Teil, der die Bewegung durchführt und sich dabei in seiner geometrischen Form verändert wenn er sich verkürzt. Als arbeitendes Element in ist der Muskel störanfällig. Als Bestandteil der biokinematischen Bewegungseinheit wirken sich Störungen im Muskel auf Knochen, Bänder und Gelenke aus.

In der Schmerztherapie muss demnach die Funktion des Muskels genauer unter die Lupe genommen werden.

WIE WIRD AUS BEWEGUNG SCHMERZ

Jede Bewegung besteht aus drei Komponenten: dem Bewegungsumfang (Amplitude), der Bewegungskraft (Kraft) und der Bewegungsbahn (Geometrie). Diese drei Komponenten werden von der Struktur des Muskels vorgegeben.

Der hier relevante Punkt ist nicht die Kraft oder der Umfang einer Bewegung, sondern die Bewegungsbahn, also der Weg auf dem eine Bewegung zurückgelegt wird.

Betrachtet man den Aufbau eines Muskels, so stellt man fest dass dieser aus vielen einzelnen Fasern aufgebaut ist. Jede dieser Fasern mündet in den Sehnen, die wiederum in der Regel an ihren jeweiligen Enden an zwei Knochen verankert sind. Bei einem Muskel ziehen nicht alle Fasern in dieselbe Richtung, man kann es sich eher wie die Finger einer gespreizten Hand vorstellen. Arbeitet der Muskel, ziehen sich die zugehörigen Fasern zusammen und die beiden Knochen, an denen sie aufgehängt sind, werden in einer bestimmten Bahn zueinander gezogen. Wie diese Bahn aussieht, ergibt sich aus der Zusammenarbeit und der Form der beteiligten Fasern.

Stellt man sich das Ganze analog an einem Fahrradreifen vor, so ist es einfacher zu verstehen: Die Bewegungsbahn des Fahrradreifens ist der Kreis. Treten hier Störungen auf, welche die Form des Reifens verändern, hat der Reifen beispielsweise einen „Achter“. Er dreht nicht mehr in einer Kreisbahn sondern „eiert“ in einer krankhaft veränderten Bahn. Das Resultat ist, dass der Reifen trotzdem noch rollt, allerdings nicht mehr sonderlich effektiv.

Ähnliches passiert im Körper. Sind einzelne Muskelfasern in ihrer Form so verändert, dass sie nicht mehr in ihrer definierten Bahn an den Knochen ziehen, bewegen sich die zugehörigen Knochen in veränderten Winkeln aufeinander zu. Diese Abweichung von der gesunden Bahn wird vom Körper als Schmerz registriert. Der Körper produziert den Schmerz selbst, um sich vor der eigenen Aktivität zu schützen.

Arbeitet ein Muskel mit einer gestörten Bewegungsbahn ungehindert weiter, werden die Knochen auf einem krankhaft veränderten Weg zueinander bewegt. Kraftfluss und Bewegungsablauf passen nicht mehr zu den stehenden, unveränderlichen Strukturen- den Gelenkoberflächen, Bändern und Knochen. Es kommt zu pathologischen Krafteinwirkungen und Bewegungsblockaden. Die vom Muskel produzierte Kraft, die dafür vorgesehen ist nach außen zu wirken, richtet sich nach innen gegen den eigenen Körper.

Um das zu verhindern, macht der Körper die jetzt pathologisch veränderte Bewegung so unangenehm wie möglich- und produziert einen chronischen, endogenen Schmerz.

Entscheidend ist die Bewegungsbahn. Die Kraft und der Bewegungsumfang sind für die Schmerzentstehung unerheblich. Ob ein Fahrradreifen mit viel oder wenig Kraft gedreht wird, die Bewegung bleibt trotzdem ein Kreis. Ob der Reifen nur eine halbe oder eine ganze Drehung vollführt- solange sie dabei ein Kreissegment bleibt und kein Achter, bleibt das ohne negative Auswirkungen.

SCHMERZ ALS GARANT FÜR GESUNDHEIT

Chronische Schmerzen sind die Folge einer Abweichung von der gesunden Bewegungsbahn. Das Wissen um diesen Zusammenhang bildet die Grundlage für weitere Überlegungen: Wie kann man den krankhaft veränderten Muskel im Körper finden und therapieren? Welche Hinweise gibt der Schmerz?

Hierzu müssen zunächst einige Grundlagen der Skelettmuskulatur betrachtet werden. Die Skelettmuskulatur unterliegt der Willkürmotorik. Das bedeutet einerseits, dass die momentanen Funktionszustände der Muskulatur dem Bewusstsein zugänglich sind- man spürt die Kraft, die Müdigkeit, die Steifigkeit und eben auch den Schmerz. Über dieses Bewusstsein kann andererseits die geregelte Willkür durchgeführt werden- man beugt das Bein dann, wenn man es möchte. Andere muskuläre Systeme im Körper wie beispielsweise die glatte Muskulatur der Organe unterliegen nicht dieser Willkür. Man kann sie weder in dem Maße differenziert wahrnehmen noch steuern wie dies bei der Skelettmuskulatur der Fall ist.

Wichtig ist auch, dass ein Muskel nie alleine arbeitet sondern stets in einer Kette. Hebt man einen schweren Gegenstand an, so muss sich nicht nur der Bizeps anspannen, gleichzeitig muss sein Gegenspieler, der Trizeps im selben Maße passiv sein und seinen Grundtonus herabsetzen. Erst die Entspannung des Gegenspielers ermöglicht die Bewegung. Auch die anderen Armmuskeln sind an dem Kraftakt beteiligt. Ebenso die Muskeln des Rumpfes und der Beine. Schließlich wollen wir nicht einfach umkippen wenn wir ein Gewicht tragen.

Spüren tut man dies jedoch nicht in jedem dieser Muskeln. Die bewusste Wahrnehmung grenzt sich auf die Bereiche der Muskulatur ein, die zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst arbeiten, also verkürzen. Die gleichzeitig passiven Muskeln werden unbewusst geregelt. Es werden auch nicht alle sich verkürzenden Muskeln im selben Ausmaß wahrgenommen. Im hier genannten Beispiel wird man die Kraft mehr im Bizeps als in der Rumpfmuskulatur spüren, wenn man sich deren Aktivität überhaupt bewusst ist.

Es wird also nur ein Segment der Kette wahrgenommen und zwar das, was am besten ausgebildet ist und die größte Arbeit verrichtet. Dieses Segment, bzw. dieser Muskel ist gesund. Er ist das stärkste Glied in der Kette.

Entscheidend ist jedoch sprichwörtlich das schwächste Glied der Kette. Nur wenn die Muskelkette als Gesamtheit arbeitet, kann eine Bewegung fehlerfrei ablaufen. Damit der Bizeps sich zusammenziehen kann muss sich der Trizeps genau gleichsinnig passiv verlängern. Ist der Trizeps jedoch in seiner Funktion verändert, zwingt er die Bewegung zu einer Bahnabweichung- die Bewegung ist gestört. Damit wird der Bizeps als stärkster Muskel zum potentiell gefährlichsten Teil der Kette, denn durch seine Kontraktion wird eine schadhafte Bewegung initiiert. Hier kommt der Schmerz ins Spiel.

Der Schmerz hat die biologische Aufgabe, den gesunden Muskel in der Funktionskette zugunsten der kranken Teile auszubremsen. Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Chronischer Schmerz wird nicht dort wahrgenommen wo die Störung sitzt, sondern dort wo der Körper am gesündesten ist.

Den Körper dort zu therapieren, wo es schmerzt ist damit sinnlos. Aufgabe der Biokinematik ist es, das Zusammenspiel der Skelettmuskulatur genau zu kennen und mit diesem Wissen über Schmerzen auf die tatsächlichen Ursachen von Erkrankungen zu schließen.

STÖRUNG IM MUSKEL

Jeder Skelettmuskel ist aus verschiedenen Bestandteilen aufgebaut. Es gibt zum einen die Elemente welche die Kontraktion ausführen (Aktin und Myosin). Gleichzeitig ist im Muskel noch ein anderes Gewebe vorhanden: das Bindegewebe. Das Bindegewebe ist für die Biokinematik von essentieller Bedeutung, denn dort entsteht der chronische Schmerz.

Das Bindegewebe umhüllt den Muskel von außen und durchsetzt ihn von innen. Es durchspannt den Muskel in seiner gesamten Länge und verankert ihn als Sehne an den Knochen. Physiologisch betrachtet ist das Bindegewebe auf Zugfestigkeit ausgerichtet und kann daher Zugkräfte aufnehmen. Es ist in seiner Länge nicht variabel und kann keine Arbeit verrichten. Im Gegensatz zu dem kraftproduzierenden System entzieht sich das Bindegewebe dem bewussten Einfluss. Man kann es weder aktiv anspannen noch locker lassen. Dennoch ist es an jeder Tätigkeit des Muskels beteiligt.

Was passiert nun, wenn in diesem System Schäden auftreten? Diese entscheidende Frage stellt die Biokinematik.

Entsteht im Muskel eine Dehnüberlastung, beispielsweise durch eine ungeplante Bewegung, einen Unfall oder zu stark ausgeführtes Stretching, installiert sich im Bindegewebe eine Faserspannung, welche die Aufgabe hat den Muskel vor dem Zerreißen zu schützen. Obwohl dieser Schutz für den Muskel „überlebenswichtig“ ist, bremst er ihn auch in seiner weiteren Tätigkeit. Durch diese Faserspannung wird der passive Dehnungsvorgang begrenzt, den jeder Muskel als Antagonist einnehmen muss, sobald der zugehörige Agonist anspannt. Die Geometrie des Muskels ist gestört. Die Folge: Chronische Schmerzen entstehen. Da das Bindegewebe dem Bewusstsein nicht zugänglich ist, wird eine solche Faserspannung nicht registriert und ist damit auch nicht willentlich beeinflussbar. Ist eine krankhafte Faserspannung einmal entstanden, kann sie sehr lange bestehen bleiben. Unter Umständen sogar lebenslang. Der Biokinematiker hat die Aufgabe, mithilfe seines Wissens über chronische Schmerzen herauszufinden wo im Körper diese pathologische Bindegewebsspannung lokalisiert ist.

DIE THERAPIE

In der Schmerztherapie ist der erste Schritt das Erkennen und Zuordnen von Störungen. Dazu sind genaue anatomische Kenntnisse über den Muskelapparat des Körpers notwendig sowie die biokinematischen Grundlagen über die Funktionsweise der Muskulatur. Zunächst wird der Funktionszustand der Muskulatur untersucht. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der Beweglichkeit des Körpers geschenkt. Daran schließt sich der Tastbefund an. Dieser zielt darauf die pathologischen Spannungszustände der Muskulatur zu lokalisieren. Anschließend beginnt der Therapeut gezielt mit der Behandlung. Das Prinzip der Biokinematik basiert hierbei auf einer Reizsetzung von außen an der gestörten Struktur, auf die der Körper anschließend mit einer Spannungsregulierung reagiert. So wird die geometrische Ordnung der einzelnen Muskelfaser wiederhergestellt.

Die Reizsetzung findet am Bindegewebe des Muskels an dem Ort statt, an dem auch die Störung entstanden ist. Hier sind die Arbeitsmessfühler des Muskels lokalisiert. Sie können über einen überschwelligen Reiz eine Spannungsänderung initiieren, indem sie den momentanen Funktionszustand des Muskels messen und an das Gehirn weiterleiten. Man kann sich diese Arbeitsmessfühler wie das Thermostat einer Heizung vorstellen. Die Heizung steht in diesem Beispiel für das Gehirn. Wenn man an das Thermostat einen Eisbeutel hängt, wird es der Heizung signalisieren, dass es zu kalt sei. Die Heizung wird daraufhin von „nicht heizen“ auf „heizen“ umregulieren.

Praktisch gibt es verschiedene Möglichkeiten einen solchen Reiz zu setzen. Das kann durch eine Manipulation von außen, sozusagen auf „unnatürlichem“ Wege geschehen. Hierbei ist der Patient passiv während der Therapeut den Reiz setzt. Die zweite Möglichkeit ist der „natürliche“ Weg, der über eine aktive Übung stattfindet.

Die Stimulation von außen kann gleichfalls über verschiedene Techniken stattfinden. Etabliert hat sich vor allem die manuelle Stimulation (Druckpunkt).

Ein solcher Druckpunkt dauert ca. eine halbe Minute. Durch einen gezielten Druck mit dem tastenden Finger wird über einen Schwellenprozess eine Spannungsregulierung des Muskels provoziert. In den meisten Fällen ist der Druckpunkt zunächst sehr schmerzhaft, lässt in der Schmerzintensität aber nach, sobald sich die Spannungsregulierung einstellt. Die Schwierigkeit für den Patienten liegt hierbei darin locker zu lassen, also die betreffende Muskulatur zu entspannen.

Durch definiertes assistiertes Training kann ein natürlicher Reiz gesetzt werden, der auf physiologischen Prozessen beruht.

Diese Technik kommt vor allen Dingen dann zum Einsatz, wenn sich die Störungen der Muskulatur in schwer zugänglichen Körperbereichen befinden. Zusätzlich bieten sie dem Patienten die Möglichkeit, sich aktiv an der Therapie zu beteiligen und nach entsprechender Unterweisung zum Experten für den eigenen Körper zu werden. Die einzelnen Übungen werden individuell auf die Problematik des Patienten angepasst. Die Reizschwelle der Muskulatur muss dabei überschritten werden um eine Veränderung im Muskel zu provozieren. Die Übungen sind daher für den Patienten sehr anstrengend.

 Bei einer erfolgreichen Therapie ist der Patient im Anschluss selbst imstande, seine Schmerzen einordnen und verstehen zu können. Durch die Techniken die er in der Biokinematik erlernt, kann er sich mit Übungen und Veränderungen seines Lebensstils selbst helfen. Ohne Operation und ohne Medikamente. Damit verlieren die Schmerzen ihren Schrecken.

URSACHEN UND AUSLÖSER VON SCHMERZEN

Alles, was im Stande ist, die geometrisch relevanten Strukturen eines Muskels zu verändern und so zu einer Bahnabweichung führt, kommt als Schmerzursache infrage.

Das kann eine Verletzung sein, die durch einen Unfall entstanden ist. Immer häufiger ist jedoch der einseitige Lebensstil verantwortlich- einseitiges Arbeiten und Training, welches immer die selben Muskelgruppen in den selben Bewegungsachsen fordert und andere komplett vernachlässigt. Auch Dehnüberlastungen bei unterentwickelter Bewegungsamplitude spielen eine Rolle.